Beweisen kann man das nicht
„Ich allein”, „besitzen”, „Selbstbestimmung”, „Individualisierung”, das sind die Schlagworte einer Gesellschaft, die auf Isolation zusteuert. In glücklichen Beziehungen und Gemeinschaften scheint dies immer schwieriger zu verwirklichen zu sein.
Ist das Verlangen nach Beziehungen, in denen man wirklich leben kann, eine Illusion, ein vergeblicher Traum?
Seit Jahrtausenden geben Juden und Christen Antworten auf genau diese Frage. Seit Jahrtausenden sprechen Juden und Christen von einem Gott, dessen größte Leidenschaft es ist, unter den Menschen zu sein. Es ist der Gott Jahwe, der Mose im brennenden Dornbusch seinen Namen offenbarte: „Ich bin da für euch.”
Der „Ich-bin-da” war dabei, als das Volk Israel in ägyptischer Knechtschaft lebte. Der „Ich-bin-da” war dabei, als Mose das Volk aus Ägypten führte. Der „Ich-bin-da” war dabei, als das Volk in der Wüste an Gott zweifelte. Gott kann die Menschen nicht verlassen, denn sein Name lautet: „Ich-bin-da”.
Gott, der den Namen „Ich-bin-da” trägt, ist in den dunkelsten Stunden bei uns. Wenn der Glaube zu erlöschen droht, ist „Ich-bin-da” an unserer Seite. Der „Ich-bin-da” war da, als Jesus am Kreuz rief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?” Der „Ich-bin-da” hat Jesus aus dem Grab auferweckt.
Weil es diesen Gott gibt, kann der Mensch mit aller Gewissheit hören: Du bist und bleibst bedingungslos und absolut erwünscht, selbst angesichts all dessen, was du tust oder nicht tust, worin du versagst oder worin du gut bist. Die Nähe Gottes hängt nicht von deinen Leistungen ab, sondern ausschließlich von seiner Liebe, seiner Gnade, seinem Verlangen, gerade bei dir zu sein. Wer daran glauben und darauf hoffen kann, nähert sich dem Geheimnis der Heiligen Dreifaltigkeit. Was für ein Gott muss der sein, dem es so wichtig ist, unter den Menschen zu sein? Was für ein Gott muss der sein, der Gemeinschaft sucht?
Christliche Theologen haben von Anfang an viel darüber nachgedacht und sind zu der geheimnisvollsten Aussage gelangt, die man über Gott treffen kann: „Der dreieinige Gott”. Wir können das weder erklären noch verstehen. Gott hat eine so tiefe Beziehung zum Menschen, weil er selbst Beziehung schlechthin ist. Und das ist Liebe. Das Geheimnis der Heiligen Dreifaltigkeit ist die unendliche Liebe Gottes. Mit dem Verstand kommen wir nicht weit. Wir können es nur erfahren. Wir können nur in diese unendliche Liebe eintauchen und selbst versuchen zu lieben.
Wer dies verstehen will, sollte sich an die Worte des heiligen Augustinus erinnern: „Wenn du dies begreifst, dann ist es nicht Gott. Wenn es dir gelungen ist, dies zu begreifen, dann hast du etwas anderes als Gott begriffen. Selbst wenn es nur ein Funken des Verständnisses war, hat dich dein Denken in die Irre geführt.” Das Geheimnis der Liebe Gottes, sein Verlangen nach Gemeinschaft, lässt sich nicht einfach begreifen, es lässt sich nicht mit einfachen Worten erklären oder verständlich machen. Auch die menschliche Liebe lässt sich nicht erschöpfend mit sachlichen Aussagen beschreiben. Liebe lässt uns leben, motiviert, gibt Sinn, macht das Leben zu etwas Besonderem. Erst in der Beziehung zum anderen Menschen lernen wir uns selbst kennen.
Alle Menschen brauchen Gemeinschaft, brauchen Anerkennung, brauchen jemanden, der sie mit Güte, Respekt und Freundlichkeit behandelt. Dass wir Christen uns Gott auf dieselbe Weise vorstellen können, ist ein großartiges Geschenk.
„Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab” (Joh 3,16) - was für eine Aussage! Gott liebt den Menschen und will für ihn nur das Beste. Er möchte ihm Erlösung und Vergebung schenken. Diese göttliche Liebe lässt sich nicht mit klugen Worten heraufbeschwören, sie lässt sich nicht wissenschaftlich beweisen. Man kann sie erahnen, auf sie hoffen, sie erfahren: in der Stille des Gebets, in einem guten Wort und einer helfenden Hand des Nächsten, beim Lesen des Wortes Gottes oder beim Rückblick auf die Stationen des eigenen Lebens.
Lasst uns bekennen, dass unser Gott ein Gott der Gemeinschaft ist. Der eine Gott in drei Personen sehnt sich nach unserer Nähe, schenkt uns seine Gegenwart und Liebe zu unserem Heil. Das lässt sich nicht beweisen, aber man kann es erfahren und dafür dankbar sein.